Grade bin ich über den sehr interessanten Artikel "«Hallöchen Herr Professor» Überlegungen zur Normierungsproblematik in der E-Mail-Kommunikation am Beispiel des Hochschulkontextes" von Nicole Hoffmann, Katrin Keller und Anke Pfeiffer gestolpert. Ihre Ausgangsproblematik ist folgende:

"«Hallöchen Herr Professor!» oder «Hier flattert meine Präsi durch die Leitung!», solche Sätze sind in E-Mails an Hochschulen keine Seltenheit. Und immer wieder werden die teilweise kryptischen, bruchstückhaften oder umgangssprachlichen Mails als «unhöflich», «formlos» oder «unmöglich» kritisiert. (…)

Offensichtlich kollidieren hier die Erwartungen, die von den Empfänger/innen an das angemessene Verfassen einer Mail gestellt werden, mit den Auslegungen des sprachlichen Möglichkeitsspektrums, das in den Augen der (studentischen) Verfasser/innen als zulässig gilt." (S. 2)

Auch bei mir kommt es immer wieder vor, dass ich kopfschüttelnd, irritiert und in seltenen Fällen auch gereizt vor E-Mails von Studierenden sitze. Dabei würde ich nicht sagen, dass ich sonderlich hohe Erwartungen an die Form einer E-Mail von Studierenden habe. Im Gegenteil, ich erwarte eigentlich nur das, was ich von jeder Mail-Kommunikation erwarte, wenn sie nicht grade mit Freunden stattfindet:

In erster Linie einen freundlichen oder neutralen Umgangston,

einen aussagekräftigen Betreff,

eine Anrede (Hallo, Liebe Frau Herbst, Guten Tag,…. ),

vollständige Sätze,

Verwendung von Satzzeichen, wenn möglich sogar an der richtigen Stelle,

Einhaltung zumindest grundlegender Grammatik- und Rechtschreibregeln,

eine Verabschiedungsfloskel (wie auch immer geartet),

den Namen der Person

Hoffmann, Keller & Pfeiffer beziehen sich bei der Charakterisierung der E-Mail u.a. auf Christa Dürscheid. "In ihren Untersuchungen konnte sie deutlich machen, dass E-Mails sowohl Brief- als auch Gesprächscharakter besitzen." (S. 5) Diese Feststellung erklärt zumindest in Teilen, warum ein allgemeiner Konsens offensichtlich so schwer zu finden ist. Im Kontext der Kommunikation zwischen Studierenden und Dozenten bzw. generell Mitarbeitern würde ich eher einen Briefcharakter annehmen. Wenn die Studierenden dies anders werten, ist die Nicht-Einhaltung der oben genannten Aspekte (mit Ausnahme des Umgangstons) nur folgerichtig. Andererseits erwarte ich auch am Telefon oder beim persönlichen Gespräch einen freundlichen/höflichen Umgang, wozu meiner Ansicht nach auch gehört, dass man den Namen des Gegenübers kennt, sich begrüßt und verabschiedet, sowie verständliche, vollständige Sätze von sich gibt.

Da dies aber regelmäßig nicht der Realität entspricht, frage ich mich immer mal wieder, ob ich vielleicht doch überzogene Erwartungen habe. Eigentlich nicht, denke ich. Denn es handelt sich eigentlich um Erwartungen, die ich prinzipiell in solchen eher formellen Zusammenhängen habe – unabhängig vom Medium. Wie seht ihr das? Kann man voraussetzen bzw. erwarten, dass in E-Mails im Arbeits- oder Studienzusammenhang gewisse Regeln eingehalten werden? Teilt ihr meine Erwartungen? Sind Sie vielleicht doch überzogen, bzw. ein überkommenes Relikt aus Zeiten in denen man sich Briefe schrieb?

Hoffmann, Keller & Pfeiffer gehen in ihrem Artikel im Folgenden insbesondere der Frage nach, wie es kommt, dass sich bei einem so etablierten Medium wie der E-Mail noch kein Konsens gebildet hat. 

"Entgegen ihrer Charakterisierung in der bisherigen Forschung als strukturell facettenreicher Kommunikations- bzw. Interaktionsform mit Merkmalen von Schriftlichkeit und Mündlichkeit scheinen sich jedoch im Alltag immer wieder Konflikte an der Wahrnehmung der E-Mail als einer mit bestimmten, erwartbaren Merkmalen assoziierten Textsorte zu entzünden. In den langen Jahren ihres Gebrauchs hätten diese Erwartungen an die Mail als Textsorte inzwischen in genormten Konventionen münden können. Es hat sich jedoch (bislang) kein konsensuelles Regelsystem etabliert, das sich etwa am klassischen Briefverkehr, an der Netiquette oder an anderen Kriterien orientiert (vgl. auch 1.).

Dieser Erhalt der Heterogenität bei gleichzeitiger Normierungserwartung kann aus den spezifischen Verkehrsbedingungen der E-Mail als sozialer Praktik gedeutet werden. D. h. im Unterschied zu Kommunikationsmedien, die faktisch oder potenziell eine stärkere Öffentlichkeitsorientierung aufweisen, zeigt sich, dass der erwartete Normierungsprozess bei der E-Mail-Kommunikation zum ersten von unterschiedlichen Referenzpunkten ausgeht (3.1) und zum zweiten im Anschluss einen anderen Verlauf nimmt bzw. anderen Bedingungen unterliegt (3.2)." (S. 6)

Ein insgesamt lesenswerter Artikel, den ich gerne jedem weiterempfehlen möchte, der sich immer mal wieder über Form & Inhalt von E-Mails zumindest wundert. Eine Reflexion über Möglichkeiten die momentane, offensichtlich konfliktreiche Situation zu verändern, bleibt an dieser Stelle aus. Der Artikel bietet jedoch eine gute Grundlage über Lösungsmöglichkeiten nachzudenken.


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